Dallgow ließ Weimarer Republik wanken

Dr. Berthold Petzinna bei seinem Vortrag über "Dallgow und der Kapp-Putsch". Der gescheiterte Staatsstreich war dilettantisch vorbereitet - aber nicht folgenlos für Deutschland. (Foto: berlin-foto-event.de)

Soldaten aus Dallgow-Döberitz hätten vor 90 Jahren beinahe die Weimarer Republik gestürzt und eine Militärdiktatur errichtet. „Dilettantisch vorbereitet scheiterte der Putsch – aber er war wegen des folgenden politischen Rechtsruckes dennoch nicht folgenlos für Deutschland“, sagte der Berliner Historiker Dr. Berthold Petzinna. Ihn hatte der Verein Geschichte und Kultur in Dallgow (GuK-Da) eingeladen. „Unsere Gemeinde blickt auf eine über 100jährige militärische Vergangenheit zurück – diese wollen wir mit solchen Veranstaltungen aufarbeiten“, sagt GuK-Da-Vorstandsmitglied Petra Budke.
Beim Kapp-Putsch brachen am späten Abend des 12. März 1920 rund 5000 Soldaten des Marinebrigade-Freikorps Erhardt aus dem Lager Döberitz auf und marschierten nach Berlin. Freikorps bestanden aus sich freiwillig meldenden Soldaten. Die SPD-Regierung unter Friedrich Ebert setzte sie unter anderem zur Bekämpfung linksoppositioneller Bevölkerungsgruppen ein.
Doch die Erhardt-Brigadisten trainierten im Geheimen auch systematisch den Staatsstreich. Dazu gehörten 25-Kilometer-Gewaltmärsche, die sie in der Döberitzer Heide absolvierten. Ein erster Putschversuch im Juli 1919 wurde abgeblasen, weil die entscheidenden Leute die schlechte Vorbereitung erkannten. Als rund ein halbes Jahr später Ende Februar 1920 der SPD-Mann und Militärminister Gustav Noske wegen der Umsturz-Absichten die Auflösung der Erhardt-Brigade verfügte, war die Wut darüber grenzenlos. General Walter von Lüttwitz, dem das Freikorps unterstand, soll gesagt haben: “Ich werde nicht dulden, dass mir eine solche Kerntruppe in einer so gewitterschwülen Zeit zerschlagen wird.” Nach anderen Quellen drohte er, “wir lassen uns nicht auflösen, lieber stürzen wir die Regierung.”
Das Militär der Weimarer Republik war zu schwach, um sich den Truppen aus Döberitz entgegen zu setzen. Unter schwarz-weiß-roten Fahnen und mitunter dem Hakenkreuz am Stahlhelm ging es zunächst bis an die Pichelsdorfer Brücke, dann weiter bis zum Berliner Tiergarten. Bis dahin war die demokratisch gewählte Regierung bereits nach Dresden geflohen. Die Putschisten hatten keinen Erfolg – denn die Bevölkerungsmehrheit sie ab. Nur bei Militärs gab es Zustimmung. Das war zu wenig. Schon zwei Tage später war auch den Putschisten klar, dass ihr Plan gescheitert war. Die Militärs, denen Straffreiheit zugesichert worden waren, zogen sich nach Dallgow zurück. Dabei gab es mehrere Tote. (ppw)